Geächtet (Disgraced). Ein Interview mit Regisseurin Karin Boyd.

//Geächtet (Disgraced). Ein Interview mit Regisseurin Karin Boyd.

Geächtet (Disgraced). Ein Interview mit Regisseurin Karin Boyd.

Tuttlingen. Das Schauspiel Geächtet (Disgraced) von Ayad Akhtar, ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis für Theater 2013, kommt in einer Inszenierung des Alten Schauspielhauses Stuttgart nach Tuttlingen. Es ist das „Stück der Stunde“ an deutschen Theatern, ein Stück, das den Nerv der Zeit trifft. Regie führt die Schauspielerin und Regisseurin Karin Boyd.

Frau Boyd, was ist es, das dieses Theaterstück zum „Stück des Jahres“ macht?

Im Theaterstück GEÄCHTET geht es um das ewig aktuelle Thema,  wie wir uns durch Vorurteile  das Miteinander schwer machen.  Hier abgehandelt an der Islam – Diskussion. Das macht das Stück so spannend.

Ein Querschnitt hinsichtlich der Religion, aber alle sind gebildete Menschen der upper class …

In dieser Geschichte treffen Menschen unterschiedlicher  gesellschaftlicher, ethnischer und religiöser  Herkunft aufeinander, die der amerikanischen „upper class“ angehören und  sich in erster Linie über ihre Leistung  definieren. Sie sind gebildet, aufgeklärt, weltoffen, tolerant. Und plötzlich prallen da in einer zugespitzten Situation Standpunkte und Meinungen aufeinander, die sie agieren lassen, wie sie es nie von sich selbst erwartet hätten.

Toleranz ist also nicht die Lösung?

Toleranz ist eine ist eine schöne Haltung und sehr hilfreich im menschlichen Miteinander. Sie genügt aber nicht. Es sollte vielmehr  um gegenseitigen Respekt gehen.

Das Stück wurde dafür kritisiert, dass die Charaktere, die am Ende genau in diese vorgezeichnete Rolle zurückfallen, zu vorhersehbar seien.

Ich verstehe das Stück anders, lasse aber natürlich andere Meinungen gelten. Mich haben an dieser Geschichte die menschlichen Verhaltensweisen in vorurteilsbeladenen Konfliktsituationen interessiert, nicht irgendwelche Klischees.

Leistet dieses Erfüllen der Vorurteile nicht gerade Rassen- und Kulturklischees Vorschub?

In diesem Theaterstück  werden meiner Meinung nach keine Vorurteile erfüllt. Vorurteile sollten einen übrigens dazu bringen, sie zu hinterfragen. Die Hauptfigur dieser Geschichte wird durch die Vorurteile seiner Umwelt derart in die Enge getrieben, dass das bei ihr zu Reaktionen führt, die bei jedem von uns – unabhängig von unsere gesellschaftliche,  religiöse oder sonstige Herkunft – ähnlich aussehen könnte. Jeder Mensch auf dieser Welt, egal, wie seine Herkunft ist, kann in einer Extremsituation zu Verhaltensweisen und Handlungen getrieben werden, wie er es sich zuvor nie zugetraut hätte. Im Positiven wie im Negativen. Wir sind alle geprägt durch unsere Erziehung und Herkunft und sollten diese Prägung nicht als einzige „Wahrheit“ ansehen, sondern immer wieder hinterfragen.
Bei der Kritik an den Verhaltensweisen anderer sollten wir  uns vielleicht  zunächst  fragen „Wie hätte ich in dieser Situation gehandelt?“. Allerdings ist die Antwort darauf auch nur eine theoretische. Denn wirklich beantworten kann ich diese Frage nur, wenn ich tatsächlich in derselben Situation war. Und dabei kann es sich um, jede Lebenssituation handeln, die wir aus der Theorie heraus beurteilen.

Welches zum Beispiel?

Ich habe die DDR vor der Wende verlassen und bin immer mal wieder „Westlern“ begegnet, die mir ganz genau erklärt haben, wie das Leben in Ostdeutschland so war. Oder die ältere Dame, die im Urlaub in einem Muslimischen Land war, dort Frauen in Miniröcken gesehen hat und nach ihrer Rückkehr erzählte, wie frei die Frauen dort leben. Es gibt Leute, die keine Kinder haben, aber ganz genau wissen, wie der Alltag einer Mutter aussieht. Ihr „Wissen“ basiert auf Beobachtungen und Theorien. Ein Klischee wird geboren und man glaubt zu wissen, wie alles funktioniert.

Wenn wir das Theater als bessere Menschen verlassen sollen – was ist die Moral des Stücks?

Theater bietet keine Lösungen. Theater kann ein gesellschaftlich relevantes Problem spielerisch darstelle und beleuchten und so zur Diskussion stellen und so den Betrachter – das Publikum – dazu anregen, über dieses Problem nachzudenken und sich darüber vielleicht mit anderen auszutauschen. Ayad Akhtar, der Autor dieses Stückes,  zeigt nur eine Variante davon, was passiert, wenn wir Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten in irgendwelche Schubladen einordnen.  Wenn das einmal geschehen ist, fällt es uns meist schwer, diesen Deckel wieder zu öffnen. Darum müssen wir die eigenen Ansichten immer wieder hinterfragen und bei jeder neuen Erkenntnis ergänzen. Dieser Lernprozess hält ein Leben lang an. Wenn man etwa denkt, man weiß Bescheid, hat man verloren.

Das Interview führte Valerie Gerards.

Fotos: Valerie Gerards

2018-02-13T14:03:31+00:00